Rehan Neziri
DER POSITIVE MUSLIM
Ein Gläubiger, der aufbaut, hilft und Spuren hinterlässt
(Predigt)
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Unser tiefster Dank gebührt Allah, dem Erhabenen. Unsere herzlichsten Segenswünsche und Friedensgrüsse gelten unserem Propheten Muhammad s.a.w.s., seiner Familie, seinen Gefährten und all jenen, die seinem Weg aufrichtig folgen.
Woran misst sich der Wert eines Menschen? An seinem Vermögen und Besitz? An seiner Stellung in der Gesellschaft? An der Verantwortung, die er trägt, oder an seiner Herkunft?
All dies mag in den Augen der Menschen von Bedeutung sein. Doch der wahre Wert eines Menschen liegt nicht allein in dem, was er besitzt, oder in der Stellung, die er innehat. Er zeigt sich vielmehr in seiner Gerechtigkeit und Gottesfurcht, in seinem guten Charakter, in den Grundsätzen, die ihn leiten, und in dem Guten, das er in seinem Umfeld verbreitet.
Der Wert eines Menschen zeigt sich auch darin, wie nützlich er für andere ist und welche guten Spuren er in seiner Familie, seinem Umfeld und in der Gesellschaft hinterlässt.
Der Prophet Muhammad s.a.w.s. sagte:
إِنَّ مِنَ النَّاسِ مَفَاتِيحَ لِلْخَيْرِ مَغَالِيقَ لِلشَّرِّ وَإِنَّ مِنَ النَّاسِ مَفَاتِيحَ لِلشَّرِّ مَغَالِيقَ لِلْخَيْرِ فَطُوبَى لِمَنْ جَعَلَ اللَّهُ مَفَاتِيحَ الْخَيْرِ عَلَى يَدَيْهِ وَوَيْلٌ لِمَنْ جَعَلَ اللَّهُ مَفَاتِيحَ الشَّرِّ عَلَى يَدَيْهِ.
„Unter den Menschen gibt es solche, die Schlüssel zum Guten und Schlösser gegen das Böse sind. Und unter den Menschen gibt es solche, die Schlüssel zum Bösen und Schlösser gegen das Gute sind. Wohl demjenigen, durch dessen Hände Allah die Türen zum Guten öffnet, und wehe demjenigen, durch dessen Hände Allah die Türen zum Bösen öffnet.“ (Ibn Madscha)
Dieser Hadith vermittelt uns ein schönes Bild des positiven Muslims: Er ist ein Mensch, durch den sich die Türen zum Guten öffnen. Seine Anwesenheit bringt Nutzen, sein Wort weist den Weg, sein Handeln baut auf und sein Verhalten übt einen guten Einfluss aus.
Allah, der Erhabene, überliefert uns die Worte von Isa a.s.:
وَجَعَلَنِي مُبَارَكًا أَيْنَ مَا كُنتُ.
„Und Er hat mich gesegnet gemacht, wo immer ich auch bin.“ (Maryam, 19:31)
Gesegnet zu sein, wo immer man sich befindet, bedeutet, dass die eigene Anwesenheit Gutes mit sich bringt. Darin zeigt sich eine der schönsten Formen einer positiven Haltung des Gläubigen.
Was bedeutet es, ein positiver Muslim zu sein?
Positivität bedeutet nicht nur Optimismus oder eine zuversichtliche Sicht auf die Zukunft. Im umfassenderen Sinne bedeutet sie Handeln, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, anderen von Nutzen zu sein.
Positiv zu sein bedeutet, im Leben nicht nur Zuschauer zu bleiben. Es bedeutet, etwas von sich zu geben, zum Guten anzuregen, ohne immer darauf zu warten, dass man darum gebeten wird, zu helfen, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet, und für andere das zu wünschen, was man auch für sich selbst wünscht.
Positivität ist eine aufbauende Kraft und ein belebender Geist, der den Menschen dazu bewegt, einen Beitrag für seine Familie, seine Gesellschaft und seine Umma zu leisten.
Der Prophet Muhammad s.a.w.s. sagte:
اَلْمُؤْمِنُ الَّذِي يُخَالِطُ النَّاسَ وَيَصْبِرُ عَلَى أَذَاهُمْ خَيْرٌ مِنَ الَّذِي لاَ يُخَالِطُ النَّاسَ وَلاَ يَصْبِرُ عَلَى أَذَاهُمْ.
„Der Gläubige, der mit den Menschen Umgang pflegt und das erträgt, was ihm von ihnen an Leid zugefügt wird, ist besser als derjenige, der keinen Umgang mit den Menschen pflegt und ihre Kränkungen nicht geduldig erträgt.“ (al-Adab al-Mufrad)
Ebenso wird vom Propheten s.a.w.s. überliefert:
اَلْمُؤْمِنُ يأْلَفُ وَيُؤْلَفُ وَلاَ خَيْرَ فِيمَنْ لاَ يَأْلَفُ وَلاَ يُؤْلَفُ وَخَيْرُهُمْ أَنْفَعُهُمْ لِلنَّاسِ.
„Der Gläubige ist jemand, der mit den Menschen gut auskommt und mit dem auch andere gerne Umgang pflegen. Es liegt nichts Gutes in demjenigen, der weder mit anderen gut auskommt noch jemand ist, mit dem andere gerne Umgang pflegen. Die Besten unter ihnen sind diejenigen, die den Menschen am meisten nützen.“ (at-Tabarani)
Der positive Gläubige zieht sich also nicht von den Problemen der Menschen zurück. Er lebt mitten unter ihnen, arbeitet mit ihnen zusammen, übt Geduld, gibt guten Rat und bemüht sich, Teil der Lösung zu sein.
Positivität verlangt nach Taten
Eines der wichtigsten Merkmale einer positiven Haltung ist Verantwortungsbewusstsein. Der Gläubige fragt nicht nur: „Was sollten die anderen tun?“, sondern auch: „Was kann ich tun?“
Allah, der Erhabene, sagt im edlen Qur’an:
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا اسْتَجِيبُوا لِلَّهِ وَلِلرَّسُولِ إِذَا دَعَاكُمْ لِمَا يُحْيِيكُمْ وَاعْلَمُوا أَنَّ اللَّهَ يَحُولُ بَيْنَ الْمَرْءِ وَقَلْبِهِ وَأَنَّهُ إِلَيْهِ تُحْشَرُونَ.
„O ihr, die ihr glaubt! Leistet Allah und dem Gesandten Folge, wenn er euch zu dem aufruft, was euch Leben schenkt. Und wisst, dass Allah zwischen dem Menschen und seinem Herzen steht und dass ihr zu Ihm versammelt werdet.“ (al-Anfal, 8:24)
Positivität beschränkt sich nicht darauf, lediglich die notwendigen Pflichten zu erfüllen. Der Gläubige sucht auch nach weiteren Möglichkeiten, Gutes zu tun. Wenn er eine Not erkennt, versucht er zu helfen. Wenn er ein Problem sieht, überlegt er, welchen Beitrag er zu dessen Lösung leisten kann. Und wenn er eine Verantwortung übernimmt, bemüht er sich, diese bestmöglich zu erfüllen.
In diesem Sinne wird vom Propheten Muhammad s.a.w.s. überliefert:
إِنَّ اللهَ يُحِبُّ إِذَا عَمِلَ أَحَدُكُمْ عَمَلًا أَنْ يُتْقِنَهُ.
„Allah liebt es, dass jemand von euch, wenn er eine Arbeit verrichtet, diese sorgfältig und präzis ausführt.“ (at-Tabarani)
Positivität bedeutet also nicht nur, etwas zu tun, sondern sich darum zu bemühen, das, was man übernommen hat, auf bestmögliche Weise zu tun.
Zwei unterschiedliche Arten von Menschen
Der Qur’an zeigt uns auf eindrückliche Weise den Unterschied zwischen einem Menschen, der anderen zur Last fällt, und einem Menschen, der Gutes bewirkt:
وَضَرَبَ اللَّهُ مَثَلًا رَجُلَيْنِ أَحَدُهُمَا أَبْكَمُ لَا يَقْدِرُ عَلَىٰ شَيْءٍ وَهُوَ كَلٌّ عَلَىٰ مَوْلَاهُ أَيْنَمَا يُوَجِّههُ لَا يَأْتِ بِخَيْرٍ هَلْ يَسْتَوِي هُوَ وَمَنْ يَأْمُرُ بِالْعَدْلِ وَهُوَ عَلَىٰ صِرَاطٍ مُّسْتَقِيمٍ.
„Und Allah führt das Beispiel zweier Männer an: Der eine von ihnen ist stumm, zu nichts imstande und seinem Herrn eine Last. Wohin dieser ihn auch schickt, bringt er nichts Gutes. Ist er etwa demjenigen gleich, der Gerechtigkeit gebietet und sich auf einem geraden Weg befindet?“ (an-Nahl, 16:76)
Dieser Vergleich lädt uns dazu ein, über unsere eigene Rolle nachzudenken: Gehören wir zu den Menschen, die nur von anderen erwarten, oder zu jenen, die selbst geben und etwas beitragen? Sind wir Teil des Problems oder Teil der Lösung?
Man muss nicht berühmt sein, um etwas zu bewirken
Eine der schönsten Lehren des Qur’an besteht darin, dass ein Mensch weder berühmt noch reich sein oder eine hohe gesellschaftliche Stellung besitzen muss, um bleibende Spuren zu hinterlassen.
Der Qur’an hat die Taten mancher Menschen verewigt, ohne uns ihre Namen zu nennen. Die Botschaft dahinter ist kraftvoll: Der Wert einer Tat hängt nicht vom Ruhm desjenigen ab, der sie vollbringt, sondern von seiner Aufrichtigkeit, seiner Absicht und dem Nutzen seiner Tat.
Allah, der Erhabene, sagt im edlen Qur’an:
وَجَاءَ مِنْ أَقْصَى الْمَدِينَةِ رَجُلٌ يَسْعَىٰ قَالَ يَا قَوْمِ اتَّبِعُوا الْمُرْسَلِينَ.
„Und vom äussersten Ende der Stadt kam ein Mann herbeigeeilt. Er sagte: ‚O mein Volk, folgt den Gesandten!‘“ (Ya-Sin, 36:20)
Der Qur’an nennt uns den Namen dieses Mannes nicht, doch er verewigt seine Haltung und sein Bemühen.
Ein weiteres Beispiel finden wir in der Geschichte von Musa a.s.:
وَجَاءَ رَجُلٌ مِنْ أَقْصَى الْمَدِينَةِ يَسْعَىٰ قَالَ يَا مُوسَىٰ إِنَّ الْمَلَأَ يَأْتَمِرُونَ بِكَ لِيَقْتُلُوكَ فَاخْرُجْ إِنِّي لَكَ مِنَ النَّاصِحِينَ.
„Und vom äussersten Ende der Stadt kam ein Mann herbeigeeilt. Er sagte: ‚O Musa, die führenden Männer beraten über dich, um dich zu töten. So geh fort! Ich gehöre wahrlich zu denen, die dir aufrichtig raten.‘“ (al-Qasas, 28:20)
Dieser Mann erkannte die Gefahr und schwieg nicht. Er handelte im richtigen Augenblick, und seine Warnung wurde zu einem Grund für die Rettung Musas a.s..
Daraus lernen wir, dass positives Handeln kein Privileg der Mächtigen oder gesellschaftlich Hochgestellten ist. Auch ein ganz gewöhnlicher Mensch kann durch eine aufrichtige Handlung im richtigen Moment den Lauf der Dinge beeinflussen und viel Gutes bewirken.
Welche Spuren hinterlassen wir?
Jeder von uns kann sich einige einfache Fragen stellen: Welchen positiven Einfluss habe ich auf meine Familie? Welchen Beitrag leiste ich an meinem Arbeitsplatz, in der Moschee, in meiner Nachbarschaft oder in der Gesellschaft?
Wie viele Gelegenheiten, Gutes zu tun, ziehen an uns vorbei, ohne dass wir sie nutzen? Wie oft haben wir die Möglichkeit, jemandem zu helfen, einen aufrichtigen Rat zu geben, zwei Menschen miteinander zu versöhnen, einen Menschen in einer schwierigen Lage zu unterstützen oder einfach ein gutes Wort zu sagen?
Manchmal handelt ein Mensch nicht, weil er glaubt, sein Beitrag sei zu klein. Doch niemand ist so unbedeutend, dass er nicht Gutes bewirken könnte.
Ein aufrichtiges Wort kann einem Menschen Hoffnung schenken. Ein weiser Rat kann eine Entscheidung verändern. Eine kleine Hilfe kann die Last einer Familie erleichtern. Eine gute Idee kann zu einem Projekt werden, von dem viele Menschen profitieren.
Wir wissen nicht immer, wie weit das Gute reichen kann, das wir mit einer aufrichtigen Absicht begonnen haben.
Die Gesellschaft braucht positive Muslime
In einer Zeit, in der es leicht ist, zu kritisieren, sich zu beklagen und aufzuzeigen, was alles nicht funktioniert, ist der Bedarf an Menschen, die nachdenken, handeln, aufbauen und Hoffnung schenken, umso grösser.
Der positive Muslim verschliesst seine Augen nicht vor den Problemen und behauptet auch nicht, alles sei in Ordnung. Im Gegenteil: Er erkennt die Missstände, bleibt aber nicht bei der Klage stehen. Er fragt sich, was er selbst tun kann, um die Situation zu verbessern.
Seine positive Haltung beginnt bei ihm selbst, setzt sich in seiner Familie fort und reicht bis in die Gesellschaft hinein. Sie kann sich in der Erziehung der Kinder zeigen, in der Unterstützung Bedürftiger, in ehrlicher und gewissenhafter Arbeit, in der Pflege guter zwischenmenschlicher Beziehungen, in einer nützlichen Initiative oder in einem Wort, das Menschen zusammenführt, anstatt sie zu spalten.
Letztlich werden von uns aufrichtige Arbeit und ernsthaftes Bemühen verlangt. Das Ergebnis liegt in Allahs Hand.
Allah, der Erhabene, sagt:
وَقُلِ اعْمَلُوا فَسَيَرَى اللَّهُ عَمَلَكُمْ وَرَسُولُهُ وَالْمُؤْمِنُونَ.
„Handelt! Allah wird euer Tun sehen, ebenso Sein Gesandter und die Gläubigen ...“ (at-Tauba, 9:105)
Deshalb sollte sich jeder von uns nicht nur fragen: „Was gibt es Gutes in meiner Gesellschaft?“, sondern auch: „Was trage ich selbst an Gutem zu ihr bei?“
Denn der positive Muslim wartet nicht immer darauf, dass die Veränderung von anderen kommt. Er bemüht sich vielmehr, dort, wo er sich befindet, und mit den Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, selbst ein Schlüssel zum Guten zu sein.
O Allah, mache uns zu jenen, die Schlüssel zum Guten und Hindernisse für das Böse sind! Schenke uns Aufrichtigkeit in unseren Absichten, Weisheit in unseren Worten und Segen in unseren Taten!
O Allah, mache uns zu Menschen, die ihren Familien, ihrer Gesellschaft und ihren Mitmenschen von Nutzen sind! Gib uns die Kraft, Gutes zu tun, wenn sich uns die Gelegenheit dazu bietet, den Mut, die Wahrheit mit Weisheit auszusprechen, und ein reines Herz, damit wir um Deinetwillen handeln, ohne nach dem Lob der Menschen zu streben!
Mache uns nicht zu einer Last für andere, sondern zu jenen, die Schwierigkeiten erleichtern, Herzen zusammenführen, Hoffnung verbreiten und gute Werke hinterlassen!
Amin!

