Rehan Neziri

 

 

ETHIK DER KOMMUNIKATION IM ISLAM

– eine Analyse von Meinungsfreiheit und Hassrede –

 

Kommunikation ist ein Prozess der Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Informationen von einem Sender zu einem Empfänger – und zwar über verbale oder nonverbale Ausdrucksformen (also durch Worte oder durch Gesten, Mimik, Körpersprache usw.). Der Mensch kann nicht nicht kommunizieren (vgl. Paul Watzlawick, v. 2007); selbst das Schweigen trägt – abhängig vom jeweiligen Kontext – Bedeutung in sich.

In der Kommunikationspsychologie besteht Kommunikation nach dem Modell von Claude Shannon und Warren Weaver aus folgenden Elementen: Quelle, Nachricht, Kanal, Empfänger und Rückmeldung (Feedback). Ein weiteres einflussreiches Modell in diesem Zusammenhang ist das sogenannte „Vier-Ohren-Modell“ bzw. die vier Dimensionen einer Nachricht nach Friedemann Schulz von Thun.

Diese Elemente ermöglichen Interaktion, gegenseitiges Verständnis sowie den Aufbau und die Pflege menschlicher Beziehungen.

Kommunikation ist nicht lediglich ein Austausch von Informationen, sondern bildet das Fundament sozialer Beziehungen. Durch sie wird Vertrauen aufgebaut, wechselseitiger Einfluss ausgeübt und Kooperation überhaupt erst ermöglicht. Gerade aus diesem Grund ist das Verhältnis zwischen Kommunikation und Moral von grundlegender Bedeutung: Wird Kommunikation von ethischen Werten geleitet, stärkt sie soziale Bindungen und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Im Islam ist Kommunikation nicht bloss ein soziales Instrument, sondern ein Akt von ethischer und spiritueller Tragweite. Das Wort gilt als amana (anvertrautes Gut): Es vermag sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft aufzubauen oder zu zerstören. In der Ära der digitalen Kommunikation, in der sich das Tempo der Interaktion erheblich gesteigert und zugleich die ethischen Filter abgeschwächt haben, wird die Rückbesinnung auf die islamischen Prinzipien der Kommunikation für uns Musliminnen und Muslime zu einer dringlichen Notwendigkeit, um das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Verantwortung zu wahren.

 

Grundprinzipien der zwischenmenschlichen Kommunikation im Islam

Die grundlegenden Prinzipien der Kommunikation im Islam entspringen einer Anthropologie, die den Menschen als geehrtes und zugleich verantwortliches Wesen begreift. Der Qur'an hebt die universale Würde des Menschen hervor (vgl. 17:70), was die Grundlage jeder kommunikativen Beziehung bildet. Aus dieser Würde erwächst die Verpflichtung, Beleidigung, Herabsetzung und verbale Erniedrigung zu vermeiden.

Die Ethik der Kommunikation zielt darauf ab, dass Menschen wahrhaftig, aufrichtig und respektvoll sprechen. In einer ethisch verantworteten Kommunikation treten insbesondere folgende Grundwerte hervor:

Ehrlichkeit. Lüge, das Verbergen der Wahrheit und Täuschung sind unzulässig. Ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch zeichnet sich durch die Übereinstimmung von Absicht, Denken und Handeln aus. Qur’an lehrt: „O ihr, die ihr glaubt! Fürchtet Allah und seid mit den Wahrhaftigen.“ (at-Tawba, 9:119). Der Prophet Muhammad s. sagte: „Die Wahrhaftigkeit führt zur Güte, und die Güte führt ins Paradies …“ (al-Bukhari).

Respekt. Ethische Kommunikation setzt die Wertschätzung des Anderen voraus – auch dann, wenn Meinungen auseinandergehen. Der Qur’an lehrt: „O ihr, die ihr glaubt! Kein Volk soll ein anderes verspotten …“ (al-Hudschurat, 49:11). Dieser Vers untersagt Herabsetzung und etabliert den Respekt als grundlegende Norm kommunikativen Handelns.

Empathie. Die Fähigkeit, die Gefühle und die Perspektive des Anderen nachzuvollziehen, gilt als Ausdruck moralischer Reife. Der Prophet Muhammad s. sagte: „Keiner von euch glaubt (vollständig), solange er nicht für seinen Bruder liebt, was er für sich selbst liebt.“ (Muslim)

Transparenz. Klares und offenes Sprechen stärkt das Vertrauen und beugt Missverständnissen vor. Der Qur’an mahnt: „Und vermischt nicht die Wahrheit mit dem Falschen und verbergt nicht die Wahrheit …“ (al-Baqara, 2:42).

Verantwortung. Der Mensch trägt Verantwortung für jedes Wort, das er äussert. Der Qur’an lehrt: „Kein Wort spricht der Mensch aus, ohne dass bei ihm ein wachsamer Beobachter (Engel) bereit ist (es zu verzeichnen).“ (Qaf, 50:18).

Unethische Kommunikation erschüttert Vertrauen, zerstört Beziehungen und beeinträchtigt den gesellschaftlichen Frieden. Der Islam fordert daher, dass Kommunikation auf Wahrheit und Gerechtigkeit gründet, indem Verleumdung, Manipulation und die Verbreitung ungeprüfter Informationen untersagt werden. Der Qur’an lehrt: „O ihr, die ihr glaubt! Wenn ein Frevler euch eine Nachricht bringt, so vergewissert euch, damit ihr nicht aus Unwissenheit jemandem Schaden zufügt und dann bereut, was ihr getan habt.“ (al-Hudschurat, 49:6).

Ebenso bildet Sanftmut und Weisheit eine zentrale Dimension. Selbst im Konflikt ist der Gläubige dazu angehalten, eine massvolle und beherrschte Sprache zu wahren. Der Qur’an lehrt: „Nicht gleich sind das Gute und das Schlechte. Wehre (das Schlechte) mit dem ab, was besser ist – und siehe, derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft bestand, wird, als wäre er ein inniger Freund.“ (Fussilat, 41:34). Ebenso: „Durch die Barmherzigkeit Gottes bist du mild zu ihnen gewesen (o Muhammad); wärest du aber schroff und hartherzig gewesen, so hätten sie sich von dir abgewandt …“ (Alu Imran, 3:159).

So ist das Wort im Islam nicht in einem absoluten Sinne frei, sondern ein Handeln mit moralischen und spirituellen Konsequenzen. Der Gläubige ist dazu aufgerufen, vor dem Sprechen zu reflektieren und die Wirkung seiner Worte sorgfältig abzuwägen.

 

Die Grenze zwischen Meinungsfreiheit, Kritik und Hassrede

Die Trennlinie zwischen Meinungsfreiheit, legitimer Kritik und Hassrede verläuft entlang von Intention, Inhalt und Ausdrucksweise. Auf den ersten Blick mögen diese Phänomene einander ähneln; in ihrer moralischen Qualität unterscheiden sie sich jedoch grundlegend.

Die freie Meinungsäusserung wird im Islam anerkannt und geschätzt, jedoch nicht als absolut verstanden. Sie ist untrennbar verbunden mit Wahrheit, Verantwortung und gesellschaftlichem Nutzen. Der Qur’an lehrt: „Es gibt keinen Zwang im Glauben …“ (al-Baqara, 2:256). Dieser Vers bildet die Grundlage für die Freiheit der Überzeugung und des Denkens. Auch in der Überlieferung des Prophet Muhammad s. zeigt sich diese Freiheit in der Praxis: Die Gefährten äusserten wiederholt ihre Meinungen zu sozialen und strategischen Fragen, was auf eine gelebte Kultur der Beratung und Meinungsvielfalt hinweist.

Gleichwohl setzt der Islam klare ethische Grenzen: Die Wahrheit ist zu sagen, die Ehre des Anderen darf nicht verletzt werden, Verleumdung ist zu vermeiden und Verantwortung im Sprechen zu wahren. Der Prophet Muhammad s. sagte:„Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll Gutes sprechen oder schweigen.“ (Muslim)

Somit ist die Meinungsfreiheit zugleich eine amana (anvertrautes Gut). Sie ist mit Weisheit, Gerechtigkeit und Verantwortungsbewusstsein zu gebrauchen – in den Diensten des Guten und nicht des Schadens.

Kritik ist die Bewertung und Beurteilung einer Idee, einer Haltung oder einer Handlung mit dem Ziel der Verbesserung, Korrektur oder Klärung. Sie kann konstruktiv oder destruktiv sein. Im Islam ist Kritik erlaubt und notwendig, muss jedoch bestimmten Voraussetzungen entsprechen:

1.     Wahrheitsgebundenheit. Sie muss auf Wahrheit beruhen. Der Qur’an lehrt: „O ihr, die ihr glaubt! Wenn ein Frevler euch eine Nachricht bringt, so vergewissert euch …“ (al-Hudschurat, 49:6).

2.     Lautere Absicht. Die Intention soll auf Verbesserung gerichtet sein, nicht auf Herabwürdigung.

3.     Wahrung der Würde des Anderen. „Verspottet einander nicht …“ (al-Hudschurat, 49:11).

4.     Sanfte und weise Ausdrucksweise. „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung …“ (an-Nahl, 16:125).

5.     Vermeidung unnötiger öffentlicher Blossstellung. Wo möglich, soll Kritik privat geäussert werden.

6.     Abgrenzung von Verleumdung und übler Nachrede. Kritik darf nicht in Diffamierung oder giba (üble Nachrede) übergehen.

Kritik – insbesondere Selbstkritik – ist ein wesentliches Instrument der Entwicklung, jedoch nur dann, wenn sie mit Gerechtigkeit und Anstand erfolgt. Andernfalls gleitet sie in Verleumdung, Täuschung oder Hassrede ab.

Hassrede bezeichnet jede Form von Kommunikation, die Hass, Verachtung, Diskriminierung oder Gewalt gegenüber Individuen oder Gruppen aufgrund ihrer religiösen, ethnischen, geschlechtlichen oder sonstigen Identität schürt. Sie verletzt die menschliche Würde, untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und erzeugt ein Klima der Spannung. Ihre Erscheinungsformen reichen von Beleidigung, Stereotypisierung und Verleumdung bis hin zu Spott, Stigmatisierung und Entmenschlichung.

Die Grenze der Meinungsfreiheit und legitimen Kritik ist überschritten, sobald das Wort zum Instrument der Anstiftung zu Hass, zur Herabwürdigung oder zur Entmenschlichung des Anderen wird. In einem solchen Fall handelt es sich nicht mehr um Freiheit, sondern um deren Missbrauch. In diesem Sinne stellt Hassrede einen klaren Verstoss gegen die islamischen Prinzipien dar und gefährdet zugleich die gesellschaftliche Ordnung.

Nicht selten sagt Hassrede weniger über ihr Objekt aus als über ihren Urheber. Wie es Dschalal ad-Din Rumi treffend formuliert: „Wenn der Deckel geöffnet wird, erkennt man, was im Topf kocht.“ oder: „Aus einem Essigkrug fliesst kein Honig“. Das Wort des Menschen ist ein Spiegel seiner inneren Welt; eine harte und von Hass geprägte Sprache verweist häufig auf mangelnde Selbstkontrolle und unzureichende moralische Bildung.

 

Religiös-ethische und rechtliche Folgen der Hassrede

Aus islamischer Perspektive stellt Hassrede eine schwerwiegende Verfehlung dar. Sie beeinträchtigt nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch den inneren, spirituellen Zustand des Individuums. Das Wort ist im Islam nicht neutral; es gilt als amana (anvertrautes Gut) und ist untrennbar mit Verantwortung verbunden. Aus diesem Grund wird Hassrede als Ausdruck innerer Verrohung und als Abkehr von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Respekt verstanden.

Muadh ibn Dschabal fragte den Prophet Muhammad s. nach einer Tat, die den Menschen dem Paradies näherbringt und ihn vom Höllenfeuer fernhält. Nachdem der Prophet einige Anweisungen gegeben hatte, ergriff er seine Zunge und sagte: „Bewahre diese!“ Muadh fragte daraufhin: „O Gesandter Gottes, werden wir auch für das, was wir sagen, zur Rechenschaft gezogen?“ Er antwortete: „O Muadh! Wirft etwas anderes die Menschen auf ihre Gesichter ins Feuer (der Hölle), als das, was ihre Zungen hervorbringen?“ (at-Tirmidhi und Ibn Madscha).

Aus moralischer Sicht nährt Hassrede Feindseligkeit, normalisiert verbale Gewalt und schwächt das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Anderen. Auf gesellschaftlicher Ebene führt sie zu Spaltung, Vertrauensverlust und anhaltenden Spannungen.

In der modernen Rechtsordnung ist Hassrede in vielen Ländern Gegenstand gesetzlicher Regelung. Sie wird als eine Form der Anstiftung zu Hass, Diskriminierung oder Gewalt behandelt, insbesondere wenn sie sich gegen geschützte Gruppen richtet. Zeitgenössische Rechtssysteme sind bemüht, ein Gleichgewicht zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz der menschlichen Würde zu wahren, indem sie für schwerwiegende Formen entsprechende administrative oder strafrechtliche Massnahmen vorsehen.

Im digitalen Zeitalter hat diese Problematik zusätzlich an Sensibilität gewonnen, da die rasche Online-Verbreitung die Wirkung und die realen Folgen solcher Sprache vervielfacht. Aus diesem Grund haben sowohl Staaten als auch Plattformen Moderationsrichtlinien und präventive Massnahmen eingeführt.

Diese Nähe zwischen islamischer Ethik und modernen Rechtsnormen zeigt, dass das Problem der Hassrede universeller Natur ist. Der Islam betrachtet sie als eine Frage des Gewissens und der Verantwortung vor dem Allah, während das Recht sie als Angelegenheit der öffentlichen Ordnung und der Grundrechte behandelt. In beiden Fällen bleibt das Ziel dasselbe: die Verhinderung von Schaden und die Wahrung des Respekts in der Kommunikation.

Im Folgenden sollen einige Bereiche betrachtet werden, in denen Hassrede in unterschiedlichem Ausmass auftritt, sowie die daraus resultierenden Folgen.

 

Die Verwendung von Hassrede in der Politik

Hassrede in der Politik ist ein besorgniserregendes Phänomen, das insbesondere in bestimmten politischen Strömungen – häufig im rechten Spektrum – zu beobachten ist. Sie bedient sich einer abwertenden, ausgrenzenden oder aufstachelnden Sprache gegenüber Individuen oder Gruppen mit dem Ziel, politische Unterstützung zu mobilisieren, Gegner zu delegitimieren und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. An die Stelle rationaler Argumentation treten dabei häufig Angst, Wut und Ressentiment.

In der Praxis zeigt sich dies etwa in der Etikettierung politischer Gegner als „Feinde“, „Verräter“ oder „Gefahr für die Nation“ sowie in der Darstellung von Minderheiten, Migranten oder anderen Gruppen als Bedrohung für die Gesellschaft. Nicht selten wird diese Rhetorik als „politische Offenheit“ oder als Verteidigung nationaler Interessen getarnt, trägt jedoch in Wirklichkeit zur Verstärkung gesellschaftlicher Polarisierung bei.

Die Folgen sind vielfältig: Politische Spaltungen vertiefen sich, der demokratische Dialog wird geschwächt, Vorurteile werden genährt und das Risiko von Diskriminierung bis hin zu Gewalt steigt. Auf moralischer Ebene kommt es zu einer Normalisierung von Beleidigung und Herabsetzung im öffentlichen Raum. Selbst wenn solche Strategien kurzfristige Vorteile für politische Akteure bringen mögen, sind ihre langfristigen Auswirkungen auf die gesellschaftliche Stabilität und die Qualität der Demokratie gravierend.

 

Die Verwendung von Hassrede in Print- und digitalen Medien

Hassrede in den Medien stellt eine der zentralen Herausforderungen der gegenwärtigen Kommunikationskultur dar. Medien fungieren zugleich als Träger von Information und als prägende Instanzen der öffentlichen Meinungsbildung: Sie können zu einem sachlichen und konstruktiven Diskurs beitragen, aber ebenso als Vehikel für die Verbreitung von Stereotypen und Vorurteilen dienen.

In den traditionellen Printmedien äussert sich Hassrede häufig in tendenziösen Überschriften, selektiver Informationsauswahl und der Verwendung stigmatisierender Begriffe. Selbst dort, wo redaktionelle Standards bestehen, führt der Druck, Aufmerksamkeit und Reichweite zu erzielen, nicht selten zu einer Zuspitzung und Provokation des Diskurses.

In digitalen Medien und sozialen Netzwerken verstärkt sich dieses Phänomen erheblich. Anonymität, das Fehlen strenger redaktioneller Kontrollmechanismen und die hohe Publikationsgeschwindigkeit schaffen ein günstiges Umfeld für die massenhafte Verbreitung von Beleidigungen, Etikettierungen und ausgrenzenden Narrativen. Hinzu kommt die Wirkung algorithmischer Logiken, die emotional aufgeladene Inhalte bevorzugen und damit deren Reichweite zusätzlich potenzieren.

Die Folgen sind tiefgreifend: Stereotype und Vorurteile verbreiten sich, betroffene Individuen werden durch verbale Angriffe geschädigt, und das Niveau des öffentlichen Diskurses sinkt, indem es sich von rationaler Argumentation entfernt und in emotionale Konfrontation abgleitet. Vor diesem Hintergrund tragen sowohl Medieninstitutionen als auch einzelne Nutzerinnen und Nutzer eine erhebliche Verantwortung für die Aufrechterhaltung eines gesunden kommunikativen Raums.

 

Die Verwendung von Hassrede in religiösen Predigten

Wenn Hassrede in religiöse Predigten eindringt, verzerrt sie den Kern der religiösen Botschaft, die im Islam auf Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Weisheit gründet. Die Predigt, die eigentlich ein Raum moralischer Orientierung und spiritueller Annäherung sein soll, kann so zu einem Instrument der Spannung und Spaltung werden.

In der Praxis geschieht dies, wenn andere religiöse oder ethnische Gruppen als „Feinde“, als Quelle des Übels oder als Bedrohung dargestellt werden. Ein solcher Diskurs basiert nicht auf ausgewogener Urteilsbildung, sondern auf emotional aufgeladenen Verallgemeinerungen, die Anhänger durch Angst und Abgrenzung mobilisieren. Dadurch verliert die Predigt ihren pädagogischen und ethischen Gehalt.

Besonders problematisch ist die Konstruktion sogenannter „Feindbilder“, durch die andere Gruppen pauschal für Misserfolge und Probleme der eigenen Gemeinschaft verantwortlich gemacht werden. In solchen Fällen entsteht häufig auch ein Opfernarrativ, bei dem die eigene Verantwortung relativiert und die Schuld auf „die Anderen“ projiziert wird. Diese Herangehensweise verstärkt die Logik eines „wir gegen sie“, behindert Dialog und Zusammenleben und kann in extremen Fällen als Nährboden für religiösen Radikalismus und Extremismus dienen.

Auf gesellschaftlicher und pädagogischer Ebene schadet eine solche Sprache letztlich auch der eigenen Gemeinschaft, die sie vermeintlich zu schützen vorgibt, da sie Selbstreflexion und Selbstverbesserung hemmt. Aus diesem Grund ist die Verantwortung religiöser Prediger besonders gross: Sie sind nicht nur Übermittler von Texten, sondern auch Gestalter des kollektiven Bewusstseins. Verantwortungsvolle Predigt erfordert daher Ausgewogenheit, Gerechtigkeit im Urteil und die konsequente Vermeidung jeglicher Stigmatisierung.

 

Wie ist mit Personen umzugehen, die Hassrede verwenden?

Der Islam schlägt gegenüber Personen, die Hassrede verwenden, einen ausgewogenen und stufenweisen Ansatz vor. Zunächst wird eine Ermahnung mit Weisheit und Sanftmut empfohlen, indem dem Individuum Raum zur Reflexion und zur Verbesserung gegeben wird. Führt dies nicht zum gewünschten Ergebnis, folgt eine klare Zurückweisung sowie die Setzung ethischer Grenzen im kommunikativen Umgang.

Wird Hassrede jedoch bewusst wiederholt und insbesondere dann, wenn sie in Anstiftung zu Gewalt oder Diskriminierung übergeht, wird ein rechtliches Eingreifen unumgänglich. Dieser Ansatz reflektiert die Balance zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

 

Schlussbemerkung

Die Ethik der Kommunikation im Islam lehrt uns, dass das Wort nicht bloss ein Mittel des Ausdrucks ist, sondern amana, Verantwortung und zugleich ein Spiegel der inneren Welt des Menschen. Durch das Wort werden Brücken des Verständnisses gebaut, Vertrauen gestärkt und Menschen einander nähergebracht; wird es jedoch missbraucht, kann es verletzen, spalten und zerstören. Aus diesem Grund misst der Islam der Kommunikation eine besondere Bedeutung bei, indem er sie sowohl mit der gesellschaftlichen Ordnung als auch mit dem spirituellen Zustand des Individuums verknüpft.

Aus der vorliegenden Analyse ergibt sich, dass islamische Kommunikation auf Wahrheit, Aufrichtigkeit, Respekt, Empathie, Sanftmut, Transparenz und Verantwortungsbewusstsein gründet. Diese Prinzipien sind nicht lediglich Verhaltensnormen, sondern grundlegende Voraussetzungen für ein gesundes individuelles und kollektives Leben. In diesem Zusammenhang wird die Meinungsfreiheit weder negiert noch absolut gesetzt: Sie wird als Recht und menschliche Notwendigkeit anerkannt, zugleich aber innerhalb der Grenzen von Wahrheit, Gerechtigkeit und der Wahrung der Würde des Anderen verortet.

Eine wesentliche Schlussfolgerung besteht darin, dass die Grenze zwischen freier Meinungsäusserung, Kritik und Hassrede zwar fein, jedoch klar unterscheidbar ist. Die freie Meinungsäusserung dient dem Ausdruck von Überzeugungen, Kritik zielt auf Verbesserung, während Hassrede darauf ausgerichtet ist, den Anderen zu verletzen, auszugrenzen oder zu entmenschlichen. Gerade deshalb ist nicht jedes harte Wort ein Zeichen von Mut, und nicht jede Kritik erweist sich als konstruktiv.

Das digitale Zeitalter hat diese Herausforderung zusätzlich komplexer gemacht. Die Geschwindigkeit der Kommunikation, die Möglichkeit der Anonymität und das Streben nach unmittelbaren Reaktionen haben die Kultur der Reflexion und der Besonnenheit geschwächt. In dieser Realität stellt die Rückbesinnung auf die islamische Ethik des guten Wortes nicht nur eine religiöse Notwendigkeit dar, sondern auch einen bedeutsamen Beitrag zur moralischen Gesundheit der Gesellschaft.

Daher ist die Wahrung der Kommunikationsethik ein integraler Bestandteil des Glaubens, der Zivilisation und unserer Verantwortung vor Allah sowie gegenüber den Menschen. Je reiner das Wort, desto ruhiger das Herz; und je ruhiger das Herz, desto gerechter und barmherziger wird die Gesellschaft.

 

 

Kreuzlingen, 12.04.2026

 

 

Verwendete Literatur:

"Hassreden: Die Grenzen der Meinungsäusserungsfreiheit", 06.02.2017, www.humanrights.ch

Doğan Cüceloğlu, Yeniden İnsan İnsana. Remzi Kitabevi, Istanbul 1998.

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Mustafa Köylü, Psiko-Sosyal Açıdan Dini İletişim, Ankara Okulu Yay., Ankara 2006.

Norina Meyer, "Hassrede im Netz – Was strafbar ist und wie man sich wehrt?", 22. Oktober 2025, www.beobachter.ch

Reşit Özer, “Qur’an’ı Kerim’de İletişim Ahlakı”, Genç Mütefekkirler Dergisi, 6 (1), Ağrı 2025.

Yusuf Güneş, “İslam’da İletişim ve İletişim Ahlakı”, Din ve Hayat Dergisi, Nr. 22, 2014.