Rehan Neziri

 

Der Ramadan ist nicht lediglich eine Zeit der Enthaltsamkeit von Speise und Trank; er ist ein innerer Weg, eine Reise der Rückkehr zu sich selbst. In einer beschleunigten Welt, in der der Mensch sich oft in tausend Richtungen verliert, ruft ihn dieser gesegnete Monat dazu auf, innezuhalten, zu schweigen und zu reflektieren. Das Fasten wird so zu einem Akt vertiefter Selbstbewusstwerdung, zu einer Schule der Konzentration und der Wiederherstellung eines verlorenen Gleichgewichts.

Indem der Fastende sich der grundlegendsten körperlichen Bedürfnisse enthält, erfährt er eine innere Verschiebung: vom Zentrum einer egozentrischen Selbstgenügsamkeit hin zum Bewusstsein seiner eigenen Abhängigkeit. Hunger und Durst erinnern ihn daran, dass er nicht das Zentrum des Universums ist, sondern ein – wenngleich äusserst wertvolles – Wesen, eingebettet in eine grosse kosmische Ordnung.

Der Ramadan lehrt den Menschen, über seinen Platz im Kosmos nachzudenken – zwischen Erde und Himmel, zwischen Materie und Geist, zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit. Er begreift, dass seine Existenz nicht zufällig, sondern sinnhaft ist; nicht isoliert, sondern mit der gesamten Schöpfung verwoben.

Das Fasten zwingt den Menschen, zwischen physiologischen und geistigen Bedürfnissen zu unterscheiden. Der Körper verlangt Nahrung, Ruhe und unmittelbare Befriedigung. Der Geist verlangt Sinn, innere Stille und die Verbindung mit dem Ewigen.

Im Alltag dominieren häufig die körperlichen Bedürfnisse und verdunkeln den inneren Horizont. Doch wenn der Fastende selbst vom Erlaubten ablässt, erkennt er, dass er nicht nur ein konsumierender Körper ist, sondern auch eine Seele, die nach Erhebung strebt. Diese klare Unterscheidung zwischen Leiblichem und Geistigem zielt nicht auf die Geringschätzung des Körpers, sondern auf seine Einordnung in den Dienst eines höheren Zieles.

Die moderne Epoche ist von einem beispiellosen Konsumismus geprägt, in dem nahezu alles – die Natur, die Arbeit, die Beziehungen, ja selbst der Mensch – in den Dienst der Ausbeutung der Güter dieser Welt gestellt wird. In diesem Horizont der Unersättlichkeit wird Anhäufung zum Ideal, Besitz zum Massstab des Erfolgs. Der moderne Mensch, geprägt von der Logik unbegrenzter Aneignung, ist sogar bereit, zerstörerische Konflikte bis hin zu weltumspannenden Kriegen um materieller Interessen willen zu führen. Das Fasten setzt dieser Tendenz ein Gegengewicht: Es lehrt, dass es auch anders geht, dass auch mit weniger ein gutes Leben möglich ist; dass diese Erde imstande ist, jeden ihrer Bewohner zu ernähren, und dass niemand auf ihr als überflüssig betrachtet werden darf. Es befreit den Menschen von der Illusion eines ständigen Mangels und weist ihn auf eine Ethik der Genügsamkeit hin.

Das Fasten ist eine bewusste Selbstenthaltung von erlaubten Dingen innerhalb einer festgelegten Zeitspanne – von der Morgendämmerung (Sahur, Imsak) bis zum Sonnenuntergang (Iftar) – und mit einer klaren Absicht (Niyya). Gerade dadurch wird es zu einer Übung innerer Disziplin.

Sich des Verbotenen zu enthalten, ist eine bleibende moralische Verpflichtung; sich jedoch des Erlaubten um eines höheren Zieles willen zu enthalten, ist ein Akt bewusster Selbstformung. Hierin liegt die erzieherische und bildende Dimension des Fastens: Es läutert die Seele, stärkt den Willen und lehrt den Menschen, dass wahre Freiheit nicht in der Erfüllung jedes Begehrens besteht, sondern in der Fähigkeit, es zu beherrschen.

Unsere Epoche ist auch von einer ausgeprägten Tendenz zur Selbstdarstellung geprägt. Jede Erfahrung wird geteilt, jede Handlung veröffentlicht, jedes Gefühl zur Schau gestellt. In diesem Kontext ist das Fasten ein stiller Akt. Es ist eine verborgene Beziehung zwischen Mensch und Gott, unsichtbar für das äussere Auge.

Der Fastende lernt, sich von der Notwendigkeit des Sichtbarwerdens zu lösen und sich dem Selbstkontrollierenden zuzuwenden. Er erkennt, dass der Wert einer Tat nicht im Beifall der Öffentlichkeit liegt, sondern in ihrer inneren Aufrichtigkeit. Die durch das Fasten gewonnene Selbstbeherrschung bleibt nicht auf die Stunden des Tages beschränkt; sie wird zu einer Charaktereigenschaft, zu einer Reife, die den Menschen auch nach dem Ende des Ramadans begleitet.

Dennoch zeigt sich eine offenkundige Ironie: In einer Zeit, in der das Fasten uns Schlichtheit und Bescheidenheit lehren sollte, werden nicht selten materielle Aspekte betont. Iftar-Mahlzeiten mit überladenen Esstischen, Übermass im Essen und Verschwendung, die im Abfall endet – all dies steht im Widerspruch zum Geist des Fastens.

Das Fasten will die Sensibilität für Mangel wecken, die Dankbarkeit für das Vorhandene kultivieren und uns lehren, uns mit dem Genügenden zu begnügen. Wenn das Fastenbrechen zu einem Wettstreit des Luxus wird, verblasst seine Botschaft. Statt ein Moment des Dankes und der Schlichtheit zu sein, droht es zur Manifestation ungebändigter Fülle zu werden.

Der Ramadan lädt uns ein, zur Essenz zurückzukehren: zum einfachen Brot, das bewusst genossen wird; zum Glas Wasser, das mit Dankbarkeit getrunken wird; zum Herzen, das mit Empathie für jene schlägt, die nichts haben. Er lehrt uns, dass wahrer Reichtum nicht im Überfluss des Esstisches liegt, sondern in der Ruhe der Seele.

Anstelle eines Schlusswortes sei gesagt: „Ramadan – der Monat der Rückkehr zu sich selbst“ ist nicht bloss ein Slogan, sondern ein Lebensprogramm. Er ruft den Fastenden dazu auf, über seine Stellung im Kosmos nachzudenken, über die doppelte Natur von Leib und Seele, über die innere Läuterung durch Selbstenthaltung und über die Notwendigkeit von Selbstkontrolle in einer Welt, die nach Sichtbarkeit dürstet.

Wenn diese Rückkehr in Aufrichtigkeit geschieht, wird der Ramadan nicht bloss eine vorübergehende Phase bleiben, sondern zu einem Wendepunkt werden – zu einer stillen Wiedergeburt des Menschen, der sich selbst findet, indem er über sich selbst hinauswächst.