Rehan Neziri
ISLAMISIERUNG DER RADIKALITÄT ODER RADIKALISIERUNG DES ISLAM?
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Die jüngsten Ereignisse in Winterthur in der Schweiz und in Wien in Österreich haben die Frage der Radikalisierung und des ideologisch motivierten Terrorismus erneut ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Am 28. Mai 2026 verletzte ein junger Mann in Winterthur drei Personen mit einem Messer in der Nähe des Bahnhofs. Am selben Tag wurde in Wien ein junger Albaner aus Nordmazedonien zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, nachdem er gestanden hatte, einen Terroranschlag während eines Konzerts von Taylor Swift im Sommer 2024 geplant zu haben. Darüber hinaus hatte er weitere Straftaten mit terroristischem Hintergrund eingeräumt.
Solche Fälle wie diese, ebenso wie zahlreiche andere Vorfälle, die sich in den vergangenen Jahren in Europa ereignet haben, werfen wichtige Fragen auf – nicht nur für die Sicherheits- und Justizbehörden, sondern auch für Wissenschaftler, Religionsgemeinschaften und die Gesellschaft insgesamt. Was treibt diese jungen Menschen zur Gewalt? Haben wir es mit Personen zu tun, die die Religion instrumentalisieren, um eine bereits bestehende Radikalität zu rechtfertigen, oder mit Personen, die sich gerade durch radikale und fundamentalistische Interpretationen der Religion radikalisieren?
Diese Frage ist nicht neu. Im Gegenteil: Sie steht im Zentrum einer langjährigen wissenschaftlichen Debatte, die in Europa insbesondere durch die beiden französischen Forscher Olivier Roy und Gilles Kepel geprägt wurde. Während Roy von einer «Islamisierung der Radikalität» spricht, vertritt Kepel die These einer «Radikalisierung des Islam». Beide Ansätze versuchen, dasselbe Phänomen zu erklären, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven. Wo liegt die Wahrheit, und was können wir aus den Erfahrungen europäischer Gesellschaften in diesem Zusammenhang lernen?
Um sich einer Antwort auf diese Frage anzunähern, ist es notwendig, sich von vereinfachenden Deutungen und emotionalen Reaktionen zu lösen, die nach Gewalttaten häufig auftreten. Das Phänomen der Radikalisierung ist weitaus komplexer, als es auf eine einzige Ursache – sei sie religiöser, politischer, sozialer oder psychologischer Natur – zu reduzieren. Genau dieser Komplexität widmet sich der vorliegende Beitrag.
Zwei Fälle, die die Debatte über Radikalisierung neu entfacht haben
Obwohl uns zum Fall in Wien derzeit keine weiteren Einzelheiten vorliegen und vermutlich erst mit der Zeit zusätzliche Informationen bekannt werden, wurde im Fall von Winterthur bereits kurz nach der Tat bekannt, dass der junge Mann türkischer Herkunft mit Schweizer Staatsangehörigkeit wegen psychischer Störungen medizinisch behandelt worden war und erst einen Tag zuvor aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden war. Während des Angriffs in der Nähe des Bahnhofs rief er "Allahu akbar". In einer Medienkonferenz bezeichneten die kantonalen Behörden die Tat als "terroristischen Akt". In diesem Zusammenhang wurde auch seine frühere Verbindung zur inzwischen geschlossenen Moschee "An-Nur" in Winterthur erwähnt, die von einer Gruppe junger Menschen besucht worden war, von denen einige später wegen Verbindungen zu Strukturen des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) angeklagt oder verurteilt wurden.[1]
Medienberichten zufolge erklärte sein Vater, der heute in der Türkei lebt, sein Sohn sei kein Terrorist, sondern ein psychisch kranker Mensch, der professionelle Hilfe benötige. Zugleich bestätigte er, dass sich sein Sohn bereits Jahre zuvor in der Moschee "An-Nur" radikalisiert habe. Dies habe die Familie damals ernsthaft beunruhigt, da das dort vermittelte Islamverständnis nicht mit der religiösen Tradition übereingestimmt habe, die sie selbst kannten und praktizierten. Nach Angaben des Vaters seien auch seine beiden anderen Söhne zeitweise von ähnlichen Einflüssen betroffen gewesen. Sie hätten sich jedoch später davon gelöst und andere Lebenswege eingeschlagen. N. D. hingegen sei in diesem Zustand stecken geblieben. Wie sein Vater weiter ausführt, verfüge er weder über eine Berufsausbildung noch über eine Arbeitsstelle oder finanzielle Unabhängigkeit und sei im Alltag weiterhin auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen.[2]
Selbstverständlich haben wir als Imame sowie als islamische Gemeinschaften und Organisationen in der Schweiz diese Tat ohne jedes Zögern als inakzeptablen und durch nichts zu rechtfertigender Gewaltakt verurteilt. Gestützt auf die Stellungnahmen der Schweizer Behörden haben wir sie auf institutioneller Ebene zudem als terroristischen Akt eingeordnet.[3] Das letzte Wort werden jedoch die Ermittlungsbehörden und die Gerichte haben, an deren rechtsstaatlicher und fairer Beurteilung wir keinen Grund zu zweifeln haben. Dieser Beitrag befasst sich allerdings nicht mit der juristischen Dimension des Falles, sondern mit dessen gesellschaftlichen und analytischen Aspekten, indem er ihn in den Kontext ähnlicher Fälle einordnet, die eine Debatte über die Ursachen und Prozesse der Radikalisierung ausgelöst haben.
Politische und mediale Reaktionen: Wenn Terrorismus auf den "Islam" reduziert wird
Nach diesen und zahlreichen weiteren, teils noch schwerwiegenderen Fällen, die sich in der jüngeren und ferneren Vergangenheit in verschiedenen europäischen Ländern ereignet haben, blieben vorschnelle Reaktionen bestimmter politischer Parteien, Politiker, Medien und öffentlicher Persönlichkeiten nicht aus. Immer wieder werden solche Taten pauschal als Ausdruck eines "radikalen" oder gar "terroristischen Islam" dargestellt. Dabei verzichten diese Akteure nicht selten darauf, den Betroffenen und ihren Angehörigen zunächst ihr Mitgefühl auszusprechen, und nutzen stattdessen tragische Ereignisse, um politische Aufmerksamkeit für Wahlkämpfe oder Volksabstimmungen zu gewinnen. Dies gilt insbesondere dann, wenn Debatten über Migration oder Ausländerpolitik geführt werden, die zwar formal gegen "Ausländer" gerichtet sind, in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch häufig zulasten des Islam, der Muslime und islamischer Organisationen verlaufen. Mitunter entsteht der Eindruck, als werde der Begriff "Ausländer" nahezu synonym mit "Muslimen" verwendet, die regelmässig als Sündenböcke für politische Zwecke herhalten müssen. Dies ist weder fair noch sachgerecht, hat sich jedoch leider in gewissen politischen und medialen Kreisen zu einem wiederkehrenden Muster entwickelt.
Zwei Erklärungsansätze
Der jüngste Fall in Winterthur ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie dieses Phänomen auch in wissenschaftlichen Fachkreisen diskutiert wird. Bei der Analyse solcher Fälle treten mindestens zwei einflussreiche Erklärungsansätze hervor. Beide gehen auf die bereits erwähnten französischen Forscher Olivier Roy und Gilles Kepel zurück. Während Roy von einer "Islamisierung der Radikalität" spricht, vertritt Kepel die These einer "Radikalisierung des Islam".
Nach Olivier Roy hat der dschihadistische Terrorismus seine Wurzeln nicht primär in der Religion, sondern stellt vielmehr eine Form jugendlicher Revolte und des Nihilismus dar, die den Islam als Sprache und Symbolik der Legitimation nutzt. Die Täter terroristischer Anschläge seien häufig entwurzelte und marginalisierte junge Menschen in einer Identitätskrise, oftmals Angehörige der zweiten oder dritten Einwanderergeneration, die nur über begrenzte religiöse Kenntnisse verfügten und zu selbstzerstörerischem Verhalten neigten. Sie radikalisierten sich nicht aufgrund einer vertieften religiösen Sozialisation, sondern instrumentalisierten die Religion, um einer bereits bestehenden Radikalität einen Sinn zu verleihen. Roy vergleicht diese Akteure mit früheren linksradikalen Gruppen im Westen wie der Baader-Meinhof-Gruppe oder der RAF und argumentiert, dass der Akt der Gewalt und der Rebellion gegen die Gesellschaft das eigentliche Ziel darstelle, während die islamistischen Bezüge zu Al-Qaida oder dem sogenannten "Islamischen Staat" (IS) als ideologischer Deutungsrahmen dienten. Aus diesem Grund spricht er von einer "Islamisierung der Radikalität". Die meisten dieser Personen stammten nicht aus dem Zentrum des traditionellen islamischen Religionslebens, sondern aus einem Prozess der De-Kulturalisierung und identitären Neuformierung, der häufig von einem narzisstischen Heroismus-Kult begleitet werde.[4]
Gilles Kepel hingegen beschreibt die "Radikalisierung des Islam" als Ergebnis eines historischen und ideologischen Prozesses, der sich nach der Kolonialzeit und insbesondere seit den 1970er-Jahren mit der globalen Ausbreitung konservativer und fundamentalistischer Islaminterpretationen entwickelt habe. Nach seiner Auffassung gewann der Wahhabismus dank des Einflusses saudischer Petrodollars erheblich an Gewicht im internationalen islamischen Diskurs und verdrängte schrittweise säkulare und panarabische Ideologien. In diesem Kontext versteht Kepel den Dschihadismus als eine ideologische Strategie, die darauf abzielt, westliche Gesellschaften durch Gewalt zu provozieren, um Teile der muslimischen Umma zu mobilisieren. Im Unterschied zu Roy erklärt er Radikalisierung nicht in erster Linie mit gesellschaftlicher Marginalisierung, sondern mit dem Einfluss islamistischer Netzwerke und salafistischer Radikalisierungsprozesse. Diese bieten jungen Menschen auf der Suche nach Orientierung und Identität einen neuen religiösen und kulturellen Deutungsrahmen, um die Welt und ihre eigene Stellung in ihr zu verstehen.[5]
In der Realität sollten diese beiden Ansätze jedoch nicht notwendigerweise als gegenseitig ausschliessend verstanden werden. Vielmehr können in vielen konkreten Fällen Elemente beider Theorien gleichzeitig wirksam sein. Manche Personen geraten aufgrund persönlicher Krisen, der Suche nach Identität oder einer allgemeinen Rebellion gegen die Gesellschaft in einen Radikalisierungsprozess und finden erst später in extremistischen Ideologien einen Deutungsrahmen, der Gewalt legitimiert. Andere wiederum werden zunächst mit radikalen ideologischen Narrativen konfrontiert und übernehmen schrittweise ein Weltbild, das sie von der Gesellschaft entfremdet und dem Extremismus näherbringt. Aus diesem Grund betrachtet die Mehrheit der gegenwärtigen Forschung Radikalisierung als einen multifaktoriellen Prozess und nicht als das Ergebnis einer einzigen Ursache.
Was zeigen uns die empirischen Erkenntnisse?
Als sich in den Jahren 2014 bis 2016 zahlreiche junge Männer und Frauen – darunter auch Personen albanischer Herkunft – dem sogenannten "Islamischen Staat" (IS) in Syrien und im Irak anschlossen, wurde uns, wenn auch mit einer gewissen Verzögerung, bewusst, dass es sich hierbei um ein ernstzunehmendes Problem handelt und dass es auch unser Problem als Muslime ist. Aus diesem Grund habe ich mich persönlich während beinahe dreieinhalb Jahren neben meiner Tätigkeit als Imam und Religionslehrer intensiv mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und dabei sowohl westliche als auch islamische Quellen ausgewertet. Diese Arbeit mündete schliesslich in der Veröffentlichung des albanischsprachigen Buches Ekstremizmi në emër të Islamit (Extremismus im Namen des Islam), das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Dr. Bashkim Aliji, ebenfalls Imam in der Schweiz, verfasst habe.
Was ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf der Grundlage wissenschaftlicher und empirischer Erkenntnisse aus der Schweiz und Deutschland sagen kann, ist Folgendes: Jeder junge Mensch, der einen Radikalisierungsprozess durchläuft, bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Motive und seine eigenen Beweggründe mit. Es gibt weder ein einheitliches Muster noch einen festen Katalog von Ursachen und Einflussfaktoren, der auf alle Fälle gleichermassen zutrifft. Die Gründe sind vielfältig und wirken oft gleichzeitig als innere und äussere, stossende und ziehende Faktoren zusammen. Darüber hinaus beeinflussen sie sich gegenseitig und bilden ein komplexes Geflecht von Wechselwirkungen. Selbst wenn viele dieser Faktoren vorhanden sind, bedeutet dies jedoch nicht zwangsläufig, dass eine Person radikalisiert wird. Denn Radikalisierung verläuft nicht linear. Vielmehr können sich junge Menschen in unterschiedlichen Phasen dieses Prozesses auch wieder davon lösen, ohne jemals in extremistische Gruppen einzutreten.[6]
Dies zeigt, dass Radikalisierung kein unabwendbares Schicksal ist, sondern ein Prozess, der vom Zusammenspiel zahlreicher Faktoren geprägt wird und in unterschiedlichen Entwicklungsphasen unterbrochen oder abgeschwächt werden kann. Gerade deshalb spricht die zeitgenössische Forschung nicht nur von Radikalisierung, sondern auch von Prozessen der De-Radikalisierung und des Disengagements aus extremistischen Milieus.
Ursachen der Radikalisierung
Die Ursachen von Radikalisierung, die unter bestimmten Umständen auch in Terrorismus münden kann, sind nicht nur auf der Mikroebene, sondern ebenso auf der Meso- und Makroebene zu suchen:
1. Mikroebene: Die Mikroebene bezeichnet die individuelle Ebene und umfasst unter anderem Identitätsprobleme, gescheiterte Integrationsprozesse, Gefühle der Entfremdung und des Ausgeschlossenseins, Marginalisierung, Diskriminierung, relative Deprivation, Demütigung (direkt oder indirekt erfahren), Stigmatisierung und Zurückweisung, häufig verbunden mit moralischer Kränkung und Rachegefühlen.
2. Mesoebene: Die Mesoebene bezeichnet das weitere radikale Umfeld – also ein unterstützendes oder sogar aktiv mitwirkendes soziales Netzwerk. Dieses dient als sozialer Resonanzraum für Gruppen, die sich benachteiligt, unterdrückt oder von Ungerechtigkeiten betroffen fühlen. Unter bestimmten Umständen kann ein solches Umfeld zur Radikalisierung einzelner Gruppenmitglieder beitragen und die Entstehung extremistischer oder terroristischer Organisationen begünstigen.
3. Makroebene: Die Makroebene umfasst die Rolle von Staat und Gesellschaft im In- und Ausland, die Radikalisierung der öffentlichen Meinung und politischer Parteien, die Verschärfung von Mehrheits-Minderheits-Konflikten – insbesondere im Zusammenhang mit Migrations- und Diasporafragen – sowie den Mangel an sozioökonomischen Perspektiven für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Solche Faktoren können zur Mobilisierung und Radikalisierung unzufriedener Menschen beitragen und in einzelnen Fällen auch terroristische Gewalt begünstigen.[7]
Neben diesen Faktoren sollte unter den Bedingungen der Globalisierung und der digitalen Kommunikation auch der Einfluss internationaler Entwicklungen und globaler Diskurse über den Islam und Muslime nicht unterschätzt werden. Konflikte in der muslimischen Welt, die Wahrnehmung doppelter Standards in der internationalen Politik sowie islamfeindliche Narrative, die in Teilen der Medien und politischen Debatten verbreitet werden, können bei manchen jungen Menschen das Gefühl von Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung verstärken. Auch wenn diese Faktoren für sich genommen nur selten ausreichen, um Radikalisierung hervorzurufen, können sie Teil eines breiteren Kontextes werden, der solche Prozesse begünstigt oder beschleunigt.
Die Forschungs- und Beratungsstelle Terrorismus/Extremismus (FTE) beim deutschen Bundeskriminalamt stellt fest, dass "rechts-, links- oder religiös motivierte Extremisten in ihren Radikalisierungsverläufen ähnliche Muster aufweisen. Dazu gehören beispielsweise zerrüttete oder stark belastete Familienverhältnisse, Scheidungen, Todesfälle, Alkohol- und Drogenprobleme, Gewalterfahrungen, belastende Kindheitserlebnisse, Schwierigkeiten in der Schule oder abgebrochene Bildungswege. Welcher Form des Extremismus sich diese Personen letztlich zuwenden, ist häufig eher eine Frage des Zufalls."[8]
Eine von vielfältigen familiären Problemen geprägte Kindheit – insbesondere in Familien mit anhaltenden elterlichen Konflikten –, aber auch Erfahrungen von Diskriminierung während der Schulzeit oder bei der Suche nach einer geeigneten Berufsausbildung, mit denen insbesondere muslimische Jugendliche mit Migrationshintergrund konfrontiert sind, können begünstigende und unter Umständen sogar entscheidende Faktoren im Radikalisierungsprozess junger Muslime im Westen darstellen.
Demnach lassen sich die Faktoren, die Radikalisierungsprozesse bei jungen Muslimen – von denen viele einen Migrationshintergrund haben – begünstigen und ihnen den Weg bereiten, in persönliche, soziale, politische und ideologische Faktoren einteilen. Religiöse Faktoren treten dagegen meist erst zu einem späteren Zeitpunkt in Erscheinung und stellen nur selten die primäre Ursache der Radikalisierung dar. Hervorzuheben ist, dass die Religion – und damit auch die Moschee – in der Regel nicht am Anfang solcher Radikalisierungsprozesse steht. Vielmehr wird sie im weiteren Verlauf entweder durch bestimmte Akteure eingebracht oder von den Betroffenen selbst im Zuge ihrer Beschäftigung mit religiösen Fragen aufgegriffen. Auffällig ist zudem, dass radikalisierte junge Muslime überwiegend aus nichtreligiösen Familien oder aus Familien stammen, in denen religiöses Wissen und religiöse Praxis nur schwach ausgeprägt sind. Das Risiko einer Radikalisierung erscheint demgegenüber in Familien, die über eine gefestigte religiöse Praxis und ein fundiertes Religionsverständnis verfügen, deutlich geringer.[9] Als wichtigster Kanal von Radikalisierungsprozessen gelten in zahlreichen Studien das Internet und die sozialen Medien sowie islamische Online-Prediger, die mit einem aggressiven und ausgrenzenden Diskurs weit über ihre traditionellen Gemeinden hinaus Wirkung entfalten.[10]
Gemeinsame Verantwortung für Prävention
Eines muss klar betont werden: Die jungen Menschen, die sich hier im Westen radikalisieren und extremistischen Ideologien zuwenden, sind letztlich ein Produkt der Gesellschaften, in denen sie aufgewachsen sind – auch wenn sie von Einflüssen von aussen geprägt sein mögen. Allein diese Tatsache weist auf eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit solchen Entwicklungen hin. Niemand kann und sollte die Verantwortung ausschliesslich anderen Akteuren zuschieben oder einzelne Institutionen als alleinige Schuldige oder Begünstiger solcher Prozesse darstellen. Gemeint sind damit die Familie, die Schule, die Moschee, islamische Religionsgemeinschaften und andere zivilgesellschaftliche Organisationen, die Medien sowie die Politik – und zwar auf allen Ebenen und in gemeinsamer Verantwortung.
Auf diese Zusammenhänge haben wir bereits wiederholt hingewiesen: in Vorträgen und Predigten in Moscheen, über unsere sozialen Medien, in Seminaren mit Jugendlichen, in unseren Beiträgen auf YouTube sowie in unserem Buch Extremismus im Namen des Islam (Ekstremizmi në emër të Islamit), das voraussichtlich in naher Zukunft auch in deutscher Sprache erscheinen wird.
Schlussfolgerung
Abschliessend lässt sich festhalten, dass Gewalttaten, die unter religiösen Parolen verübt werden, weder mit einer einzigen Erklärung verstanden noch dazu benutzt werden können, eine ganze Religion oder Gemeinschaft verantwortlich zu machen. Sie erfordern eine differenzierte Betrachtung, eine sorgfältige Untersuchung und ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein. Radikalisierung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird durch persönliche Verletzungen, familiäre Krisen, soziale Ausgrenzung, manipulative Ideologien, Bildungsdefizite und bisweilen auch durch extremistische Religionsinterpretationen begünstigt, die Religion von Ethik, Barmherzigkeit und Verantwortung trennen.
Die Antwort auf dieses Phänomen kann daher weder in der Stigmatisierung von Musliminnen und Muslimen noch im Schweigen islamischer Gemeinschaften bestehen. Erforderlich ist vielmehr ein gemeinsames Engagement von Familien, Schulen, Moscheen, staatlichen Institutionen, Medien und Politik. Unsere muslimischen Gemeinschaften müssen unmissverständlich deutlich machen, dass Extremismus keinen Ausdruck des Islam darstellt, sondern dessen Verzerrung. Zugleich muss die Gesellschaft als Ganzes verstehen, dass Prävention nicht durch Vorurteile, sondern durch Gerechtigkeit, Integration, Bildung und Zusammenarbeit gelingt. Nur so kann eine Sicherheit entstehen, die nicht Angst, sondern Vertrauen schafft – und eine Gesellschaft, die nicht nach kollektiven Schuldigen sucht, sondern nach gemeinsamen Lösungen.
Kreuzlingen, 31. Mai 2026
[1] SRF, Messerangriff in Winterthur: Angreifer war Polizei bekannt – Fehr spricht von Terrorakt, abrufbar unter: https://www.srf.ch/news/schweiz/messerangriff-in-winterthur-angreifer-war-polizei-bekannt-fehr-spricht-von-terrorakt (zuletzt abgerufen am 31.05.2026).
[2] «Mein Sohn ist krank, aber kein Terrorist», Blick, abrufbar unter: https://www.blick.ch/schweiz/zuerich/jetzt-spricht-der-vater-des-winterthurer-messer-terroristen-ich-hoffe-alle-werden-wieder-gesund-id21985636.html (zuletzt abgerufen am 31.05.2026).
[3] Siehe beispielsweise die islamischen Dach- und Fachorganisationen in der Schweiz: FIDS (www.fids.ch), VIOZ (www.vioz.ch) und DAIGS (www.daigs.ch).
[4] Michael Hesse, "Es ist eine Generation im Zeichen der De-Kulturalisierung des Islam". Interview mit Olivier Roy, abrufbar unter: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/olivier-roy-es-ist-eine-generation-im-zeichen-der-de-kulturalisierung-des-islam-90082030.html (zuletzt abgerufen am 31.05.2026).
[5] "Gilles Kepel spricht über den islamistischen Terror", Goethe-Universität Frankfurt, abrufbar unter: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/veranstaltungen/gilles-kepel-spricht-ueber-den-islamistischen-terror (zuletzt abgerufen am 31.05.2026).
[6] Schmid, Alex P., Radicalisation, De-Radicalisation, Counter-Radicalisation: A Conceptual Discussion and Literature Review, ICCT Research Paper, Den Haag 2013, S. 5; Vidino, Lorenzo, «Strategien gegen jihadistische Radikalisierung in Europa», in: CSS Analysen zur Sicherheitspolitik, ETH Zürich, Nr. 128, Februar 2013, S. 3.
[7] Schmid, Alex P., a.a.O., S. 4.
[8] Şahinöz, Cemil, "Fast nie geht es um theologische Gründe", in: Islamische Zeitung, Nr. 255; ders., Salafismus – Extremismus und Fanatismus verstehen und handeln, BoD, Norderstedt 2016, S. 53.
[9] Kursani, Shpend. 2015. Report Inquiring into the Causes and Consequences of Kosovo Citizens’ Involvement as Foreign Fighters in Syria and Iraq. Policy Report 04/2015, Occasional Paper. Prishtina: Kosovar Center for Security Studies (KCSS), S. 75.
[10] Davolio, Mirjam Eser et al., Hintergründe jihadistischer Radikalisierung in der Schweiz – Eine explorative Studie mit Empfehlungen für Prävention und Intervention, Schlussbericht, ZHAW, Winterthur 2015, S. 13–15.

