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Kategorie: Interviews
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Thurgauer Zeitung, 23.02.2016

«Praktizieren einen Islam der Mitte»

 

Die Albanisch-Islamische Gemeinschaft in Kreuzlingen distanziert sich von Terrorakten, die im Namen des Islams verübt werden. Ihr Imam Rehan Neziri versucht mit Bildungsangeboten für Jugendliche zu verhindern, dass junge Thurgauer Moslems radikalisiert werden.

 

INGE STAUB

Herr Neziri, die Anschläge in Paris und die Greueltaten des Islamischen Staats haben dazu geführt, dass viele Schweizer dem Islam kritisch gegenüberstehen. Spüren Sie, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung im Thurgau verändert?

Rehan Neziri: Wir verurteilen die Terrorakte der Pariser Attentäter und jegliche Aktivitäten des IS. Der IS ist weder ein Staat noch islamisch. Es ist falsch, den Islam dafür verantwortlich zu machen. Terror und Terrorismus kennen weder Religion noch Kultur und Nationalität. Es ist verständlich, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung stets ändert, wenn es um solche Gräueltaten geht. Die Stimmung ändert sich jedoch in unserem Fall auf beiden Seiten: unter den Nichtmoslems und unter den Moslems selber.

Wie meinen Sie das?

Neziri: Die nichtmoslemische Bevölkerung sieht im Koran selbst eine Quelle dieser Untaten und macht oft die Religion dafür verantwortlich. Die moslemische Bevölkerung ist einerseits entsetzt, wie diese Terroristen ihre menschenverachtenden Taten im Namen des Islams ausüben, und andererseits fühlt sie sich gedrängt, sich gegen die Gleichsetzung dieser Terrorakte mit dem Islam zu wehren.

Die Terroristen sagen aber, dass sie im Namen Allah töten.

Neziri: Es ist sehr schlimm, wenn man die heiligen Schriften oder damit verbundene Werte missbraucht, um eigene menschenverachtende Zwecke zu erfüllen. Dies tun leider auch Angehörige anderer Religionen wie Anders Behring Breivik in Norwegen oder die buddhistischen Mönche in Myanmar.

Es gibt im Koran Suren, die dazu aufrufen, Ungläubige zu töten.

Neziri: Es gibt weder Suren noch Koranverse, die dazu aufrufen, die Andersgläubigen nur ihres Glaubens oder Nichtglaubens wegen zu töten. Es gibt Koranverse, die die Regeln des Kriegführens von damals beinhalten. Deshalb muss man, um diese Verse richtig verstehen zu können, unter anderem die inhaltlichen und historischen Zusammenhänge berücksichtigen. In Vers 191 von der Sura 2 heisst es: «Und tötet sie, wo immer ihr auf sie treffen mögt.» Daraus kann man nicht schliessen, der Koran rufe dazu auf, die Ungläubigen zu töten. Man muss den vorherigen Vers einbeziehen: «Und kämpft gegen jene, die Krieg gegen euch führen, aber begeht keine Aggression…» So versteht man, dass es hier um einen klassischen Krieg geht.

Viele Menschen sind besorgt, weil sich Jugendliche aus der Schweiz dem IS anschliessen. Wie kommt es dazu?

Neziri: Das macht auch uns Moslems Sorge. Die Radikalisierung ist ein soziales Phänomen, das sich nicht einfach mit nur einem Grund erklären lässt. Möglich ist, dass junge Moslems bezüglich Beruf und Ausbildung keine Perspektive haben oder nicht den sozialen Status erreichen, den sie gerne hätten, oder Probleme in der Familie haben. Auch denke ich, dass die radikalen Jugendlichen fehlerhafte oder falsche Kenntnisse über den Islam haben. Auch radikale Äusserungen und Haltungen von rechten politischen Parteien, die den Moslems eine Kollektivschuld zuschreiben, können dazu beitragen, dass sich junge Menschen radikalisieren.

Haben sich auch aus dem Thurgau Jugendliche einer islamischen Terrorgruppe angeschlossen?

Neziri: Nochmals, es gibt keine «islamischen Terrorgruppen», sondern Terrorgruppen, die im Namen des Islams handeln. Aus dem Thurgau haben sich Gott sei Dank keine Jugendlichen solchen Gruppen angeschlossen. Ich hoffe, das wird auch in Zukunft nicht der Fall sein. Hier in Kreuzlingen pflegen, unterrichten und praktizieren wir den Islam der Mitte, fern von jeglicher Form von Extremismus.

Was unternehmen Sie und Ihre Gemeinschaft konkret, damit sich Jugendliche nicht radikalisieren? Haben Sie als Imam Einfluss?

Neziri: Sicher können wir nicht alle Jugendlichen erreichen. Aber wir bieten verschiedene Aktivitäten an. Einmal in der Woche spielen wir gemeinsam Fussball. Einmal im Jahr organisieren wir ein Hallenfussballturnier, wo religiös und kulturell gemischte Mannschaften aus der Ostschweiz teilnehmen. Einmal im Jahr haben wir ein islamisches Konzert im Dreispitz.

Investieren Sie auch in die religiöse Bildung junger Moslems?

Neziri: Jede zweite Woche bieten wir in der Moschee Vorträge an, die sich nur an Jugendliche richten. Sie haben islamische, aber auch wissenschaftliche Inhalte, wie «Der Islam – der Weg der Mitte», «Islam und Gewalt» oder «Onlinesucht». Seit fünf Jahren wird der Islamunterricht auch in den öffentlichen Schulen in Kreuzlingen erteilt, parallel zum christlichen Religionsunterricht. Unsere beiden Moscheen in Kreuzlingen, das Jugendforum und der Verein für Islamunterricht sind mit Webseiten und auf Sozialen Medien präsent.

Wie können Angehörige anderer Religionen im Thurgau Sie und Ihre Jugendlichen unterstützen?

Neziri: Die Gesellschaft sollte moslemische Jugendliche als eigene Kinder betrachten. Sie sollte ihnen die gleichen Chancen einräumen wie Nichtmoslems etwa bei der Anstellung oder der Wohnungsvermietung.

Finden im Thurgau genügend Gespräche und Begegnungen zwischen den Religionen statt?

Neziri: An manchen Orten ja, an anderen leider nicht. Auf kantonaler Ebene fungiert als eine Plattform der Interreligiöse Arbeitskreis. Am aktivsten ist jedoch der «Runde Tisch der Religionen» in Kreuzlingen. Die anderen grossen Gemeinden im Kanton Thurgau sollten ebenfalls einen solchen runden Tisch lancieren.

Was bringt dieser Dialog?

Neziri: Je mehr man sich mit Angehörigen anderer Religionen auseinandersetzt, desto grösser sind die Chancen für Verständigung und Frieden in der Gesellschaft. Wie der Schweizer Theologe Hans Küng sagt: «Es gibt keinen Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und es gibt kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.»