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Kategorie: Interviews
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Interview mit dem Imam aus Kreuzlingen, Herr Rehan Neziri

 

Kreuzlingen – Kritiker werfen dem Islam vor, intolerant zu sein. Angeprangert werden mangelnde Gleichheit von Mann und Frau, Menschenrechtsverletzungen (Scharia) oder Unterdrückung von Andersgläubigen in vielen muslimischen Ländern. Imam Rehan Neziri gibt klare Antworten. - Clemens Pecher/Stefan Böker



KreuzlingerZeitung: Sie gelten als liberal eingestellter Imam. Stört es Sie, immer wieder auf negative Phänomene des Islam wie Islamismus, Terrorismus und Integrationsunwilligkeit angesprochen zu werden?


Rehan Neziri: Alle Imame, die ich hier in der Schweiz kenne, sind liberal eingestellt. Wir leiten diese Lehre vom Islam ab. Der Koran benennt die muslimische Gemeinschaft als «Gemeinschaft der Mitte». Nun zu Ihrer Frage: Ja, mich stört es, uns immer wieder verteidigen zu müssen; immer wieder sagen zu müssen, was wir nicht sind; stetig überzeugen, neu erklären und den Willen zum Frieden und Zusammenleben beweisen zu müssen.


Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass muslimischen Mitbürgern häufig mangelnde Integrationswilligkeit unterstellt wird? Menschen aus anderen Religionsgemeinschaften sehen sich diesem Vorwurf weit seltener ausgesetzt.


Rehan Neziri: Das Gleiche gab es früher mit Italienern und Spaniern, insbesondere mit den Juden. Heute werden Muslime als zur Integration unwillige oder unfähige Mitbürger gesehen. Die Muslime sind nicht erst gestern in die Schweiz gekommen. Sie sind seit fast 40 Jahren da. Während dieser Zeit haben sie die Schweiz mit aufgebaut. Insbesondere vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center wurden sie nicht als Muslime, sondern als Araber, Albaner, Türken etc. betrachtet. Erst nach 9/11 wurden diese Menschen plötzlich als problematisch, gefährlich für die Sicherheit der Schweiz, unfähig für die Integration usw. beurteilt.


Wie stehen Sie zur Gleichheit zwischen Mann und Frau? Was wird diesbezüglich im islamischen Religionsunterricht an der Kreuzlinger Primarschule gelehrt?


Rehan Neziri: Im Islam sind der Mann und die Frau gleichgestellt. Sie sind, dem Koran zufolge, «ein Gewand für einander», komplementär unter Gleichen, sie vervollständigen einander. Diese Lehre leite ich weiter an meine Schüler/-innen in Kreuzlingen.


Würden Sie es befürworten, dass in der Schweiz neben dem Schweizer Recht auch die Scharia angewendet werden dürfte? Ergänzend oder als gleichberechtigtes System?


Rehan Neziri: Nein. Wir befürworten kein paralleles Rechtsystem. In der Schweiz dürfen wir den Islam in unserer individuellen und gemeinschaftlichen Ebene ausüben und danach leben. Das Rechtsystem der Schweiz, als ein säkularer Staat, bietet diese Möglichkeit nicht nur uns Muslimen, sondern auch den anderen Religionen. Die Meinungs- und Glaubensfreiheit ist in der Schweizer Bundesverfassung garantiert und wir schätzen sie sehr. 


Gab es bereits den Fall, dass muslimische Kreuzlinger Einwohner ihre Tochter zwangsverheiraten wollten? Wir würden Sie damit umgehen?


Rehan Neziri: Seit neun Jahren, seitdem ich hier in Kreuzlingen als Imam tätig bin, habe ich nie einen solchen Fall erlebt oder erfahren. Wenn so etwas trotzdem passieren würde, würde ich mich dagegen einsetzen, weil das der islamischen Lehre widersprechen würde. Ein Mädchen kam zum Propheten Muhammed und berichtete ihm, dass ihr Vater sie gegen ihren Willen an ihren Vetter verheiratet habe. Daraufhin überliess der Prophet ihr die Sache. Sie sagte dann: «Ich bin damit einverstanden, was mein Vater getan hat, aber ich wollte es den Frauen bekannt werden lassen, dass Väter in dieser Sache nicht die Entscheidung haben.»


In Teilen der muslimischen Welt herrscht Christenfeindlichkeit. Woher kommt das Ihrer Meinung nach?


Rehan Neziri: Der Islam ruft uns Muslime zu einem Dialog insbesondere mit den «Leuten der Schrift» (Juden und Christen) auf. Nirgendwo im Koran oder in der Sunna, also Aussprüche und Praxis des Propheten, wird aufgerufen, Angehörigen anderer Religionen gegenüber, nur wegen ihrer Religion, Feindlichkeit auszuüben. In diesem Sinne: Das würde dem Kern der islamischen Lehre, dass es keinen Zwang im Glauben gibt, widersprechen. Nun, was Christenfeindlichkeit in Teilen der muslimischen Welt betrifft: Diejenigen, die das ausüben, verwechseln das Christentum oder das «Christ sein» mit der Aggression und Ausbeutung ihrer Ressourcen durch die «christlichen» Staaten. Nicht alle muslimisch-christlichen Auseinandersetzungen sind aber religiös motiviert. Dahinter können politische und wirtschaftliche Gründe stecken, oder auch Erinnerungen aus der Geschichte. Wir verurteilen jede Form von Gewalt, insbesondere die Gewalt im Namen Gottes oder der Religion. 


Wenn Ihnen jemand vorhält, die islamische Welt befinde sich geistig noch eher im Mittelalter als in der Moderne, was antworten Sie?


Rehan Neziri: Die Rückständigkeit der islamischen Welt hinsichtlich der Technologie und Wissenschaft sieht man ganz klar. Aber das heisst nicht, dass sie geistig, ethisch, philosophisch, kulturell rückständig ist. In dieser Hinsicht ist sie einfach anders. Übrigens: Das Wort «Mittelalter» für Muslime und ihre Geschichte heisst das Gegenteil vom «Mittelalter» im Westen.


Sie sagen, für Sie gelte die Bundesverfassung. Könnte man also sagen: «Extremisten haben in den Kreuzlinger muslimischen Gemeinden keinen Platz?»


Rehan Neziri: Wir als Albanisch-Islamische Gemeinschaft, wie auch die Türkisch-Islamische Gemeinschaft in Kreuzlingen sind als Vereine organisiert, haben eigene Statuten, in denen klar steht: «Extremismus und/oder Fanatismus jeglicher Art werden von der Albanisch-Islamischen Gemeinschaft weder toleriert noch unterstützt» (siehe www.el-hikmeh.net). Der Prophet Muhammed selber lehrt uns: «Hütet euch vor Extremismus (Übertreibung in der Religion), weil es Völker vor euch gab, die aufgrund ihres Extremismus' zerstört sind». 

 

Die Quelle: Kreuzlinger Zeitung, 25.11.2011