Von Antonio Cortesi, 16.12.2009


In Kreuzlingen sollen neben den christlichen auch muslimische Schüler einen konfessionellen Unterricht erhalten. Die SVP macht Auflagen, findet das Integrationsprojekt aber «eine gute Sache».

Der Schulpräsident von Kreuzlingen hat eine pragmatische Haltung zum Minarettverbot: «Nach der Abstimmung ist es an der Zeit, dass die Diskussion wieder über das Niveau des Kebabstands hinauskommt», sagt Jürg Schenkel. Wichtig sei, dass man jetzt nicht nur von Integration rede, sondern auch Taten folgen lasse.

In Kreuzlingen geschieht dies mit einem Islamunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler. Die ersten Klassen sollen im kommenden Sommer starten. Die Thurgauer Grenzstadt leistet damit Pionierarbeit. In der Schweiz gibt es erst eine Handvoll Gemeinden, die einen konfessionellen Unterricht für Muslime anbietet. Die allerersten waren vor fünf Jahren Ebikon und Kriens im Kanton Luzern. In der Startphase gab es damals einen politischen Wirbel: Die SVP befürchtete, dass die Schulen von islamistischen Fundamentalisten unterwandert würden.

In Kreuzlingen hält sich die SVP bisher zurück. «Gegen einen solchen Unterricht haben wir nichts einzuwenden», sagt SVP-Ortsparteipräsident Fabian Neuweiler. Voraussetzung sei allerdings, dass er auf Deutsch geführt und nicht mit Steuergeldern finanziert werde.


«Raus aus den Hinterhöfen»

Genau dies ist das Konzept der Projektgruppe, welcher Vertreter der albanischen und türkischen islamischen Gemeinden, der Landeskirchen, der Lehrerschaft und der Pädagogischen Hochschule Thurgau angehören. «Von der Schulgemeinde wird es für dieses Projekt keinen Franken geben», sagt Präsident Schenkel. Und den Imam, der die Kinder unterrichten werde, kenne er persönlich: «Rehan Neziri ist pädagogisch ausgebildet, spricht gut Deutsch und interpretiert den Koran sehr pragmatisch.» Neziri wird nach einem Lehrplan und mit einem Lehrmittel aus Baden-Württemberg unterrichten.

Die öffentliche Schule stellt einzig die Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Entscheidende dabei sei, dass man den islamischen Religionsunterricht «aus den Hinterhöfen raus- und ins Klassenzimmer hinein holt», sagt Hans-Jürgen Michael, Schulleiter und Stadtparlamentarier der Freien Liste. Damit finde der Unterricht in einem kontrollierten und offenen Rahmen statt. Dazu gehört auch, dass Kinder anderer Konfessionen, aber auch interessierte Bürger den Unterricht jederzeit besuchen könnten. Geplant ist zudem, dass katholische und protestantische Pfarrer den Muslimen in Gastlektionen das Christentum erklären.


«Wichtige Brücke»

Michael spricht von einer «wichtigen Brücke zum schulischen Umfeld». Man nehme die muslimischen Schüler mit ihrerer eigenen kulturellen Identität ernst und schliesse sie nicht aus. Für Kreuzlingen erscheint ihm dies besonders dringend, denn 23 Prozent der insgesamt 1900 Schülerinnen und Schüler sind Muslime. Die Anteile der evangelischen und katholischen Schüler sind mit 24 beziehungsweise 32 Prozent nicht viel höher. Während von Letzteren aber fast alle den freiwilligen Religionsunterricht besuchten, fehle für die albanischen und türkischen Schüler ein analoges Angebot. Michael rechnet damit, dass der Islamunterricht grossen Zuspruch erhalten wird.

Für Schulpräsident Schenkel ist dennoch klar, dass er in der Öffentlichkeit noch viel Überzeugungsarbeit leisten muss. Entsprechende Ängste werde er mit dem Hinweis parieren, dass es beispielsweise auch gelungen sei, italienische Immigranten zu integrieren: «Damals führten wir für diese Schülergruppe einen eigenen Kulturunterricht ein. Und haben damit keine Messerstecher und junge Mafiosi herangezüchtet.»


Koran neu interpretieren

Integration statt Assimilation nennen das die Fachleute. Laut Andreas Tunger, Religionswissenschaftler an der Uni Luzern, bietet der behördlich geförderte Islamunterricht dazu die besten Voraussetzungen: «Die jungen Muslime können an unserer Gesellschaft partizipieren, ohne ihre Identität aufgeben zu müssen.» Indem der Unterricht auf Deutsch und im Kontext der Volksschule erteilt werde, führe dies auch «zu Neuinterpretationen des Korans».

In den beiden Luzerner Gemeinden Ebikon und Kriens sind die Erfahrungen durchwegs positiv. Ein Problem war in der Anfangsphase allerdings, dass sich die beiden unterrichtenden Frauen mit einem minimalen Lohn begnügen mussten. Nichtchristliche Religionsgemeinschaften sind oft nicht auf Rosen gebettet, denn der Staat darf bei deren Mitgliedern keine Steuern einziehen.


Vorbeugen gegen Extremismus

In Kreuzlingen ist die Finanzierung noch nicht definitiv geregelt. Den Initianten schwebt ein dreiteiliges Modell vor: Zwei Drittel der Kosten sollen durch Elternbeiträge und Mittel der islamischen Gemeinschaften gedeckt werden, der Rest durch Mäzene und Gönner. Offen ist, ob am Ende nicht doch auch die öffentliche Hand einen Beitrag leisten soll.

Dann wäre das Projekt allerdings gefährdet, zumindest aus Sicht der SVP, der grössten Partei in Kreuzlingen. Für den St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann noch wichtiger ist, «dass der Imam einen moderaten Islam vertritt». Dann sei der Unterricht «die beste Vorbeugung gegen Extremismus». Der Mitinitiant der Minarett-Initiative kennt das Thema aus seiner Wohngemeinde. In Wil gibt es den islamischen Religionsunterricht bereits seit ein paar Jahren - und dieser wurde von der SVP anfänglich heftig bekämpft. Bis die Verantwortlichen den Imam und das Lehrmittel auswechselten. «Wenn in Kreuzlingen nicht die gleichen Fehler passieren, ist dieser Unterricht eine gute Sache», sagt Reimann.


(Tages-Anzeiger)